Waldorfpädagogik

Jedes Kind ein Könner

In der Waldorfpädagogik schaffen wir den Rahmen, in dem das einzelne Kind seine individuellen Fähigkeiten optimal entwickeln kann. In Waldorf-Einrichtungen wird das Kind in Ehrfurcht aufgenommen, in Liebe erzogen, in Freiheit entlassen. So hat es schon Rudolf Steiner auf den Punkt gebracht. Durch das vielfältige Unterrichtsangebot werden Erkenntnisfreude und Kreativität, Aufgeschlossenheit, Toleranz, Teamfähigkeit, Eigenständigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Handlungsbereitschaft angelegt. Fähigkeiten, mit denen der heranwachsende Mensch die Herausforderungen des modernen Lebens gestalten kann.

„Nicht gefragt soll werden: was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die soziale Ordnung, die besteht; sondern: was ist im Menschen veranlagt, und was kann in ihm entwickelt werden? Dann wird es möglich sein, der sozialen Ordnung immer neue Kräfte aus den heranwachsenden Generationen zuzuführen.“

Rudolf Steiner, 1919

Schulkinder in der Klasse

Waldorf-Einrichtungen

2020 gab es in Niedersachsen und Bremen 30 Waldorfschulen mit mehr als 9000 Schülern. Eine vollständige Liste der Einrichtungen in Niedersachsen und Bremen finden Sie hier.

Weltweit werden Schülerinnen und Schüler in 1.149 Schulen in 66 Ländern auf allen Kontinenten unterrichtet. Damit sind die Waldorfschulen die größte von Staat und Kirche unabhängige Schulbewegung.

Waldorfschulen sind in regionalen, nationalen und internationalen Verbänden organisiert und unterhalten eine eigene Lehrerausbildung in 64 Lehrerseminaren und Hochschulen und einer Vielzahl von berufsbegleitenden Seminaren.

Quelle: Lars Böttcher
Geschichte

Mehr als 100 Jahre gut

Als vor über 100 Jahren in Stuttgart die erste Waldorfschule von Rudolf Steiner (1861 – 1925) gegründet wurde, war die Idee eine Revolution: Unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung und späterem Beruf erhielten junge Menschen denselben Zugang zu einer menschenwürdigen Bildung. Die Lerninhalte orientierten sich am aktuellen Entwicklungsstand der Kinder. Jungen und Mädchen wurden gemeinsam in denselben Fächern unterrichtet und individuell gefördert. Soziale Gerechtigkeit statt Auslese – das war damals und ist noch heute das Leitthema der Waldorfschulen.

Rudolf Steiner war ein promovierter Philosoph, der mit seinen Worten und Taten damalige „Gewissheiten“ mutig in Frage stellte. Er entwickelte die Vision einer Pädagogik, in der das Individuum im Mittelpunkt stehen und seine Erziehung zur Freiheit möglich werden sollte. Seither wird dieses Leitbild in allen Teilen der Welt immer wieder neu in zeitgemäße Pädagogik übersetzt, begleitet von umfangreichen Programmen der Qualitätssicherung in Unterricht und Lehrerausbildung.

Schulkinder in der Klasse
Schulalltag

Gemeinsam lernen

In Waldorfschulen lernen alle Schülerinnen und Schüler eines Altersjahrgangs zwölf Jahre lang gemeinsam in einem Klassenverbund. Die unterschiedlichen seelischen und geistigen Potenziale der Individuen sehen wir als gleichwertig und sich in vielerlei Weise gegenseitig bereichernd an.

Alle staatlichen Abschlüsse

Die Entscheidung, welchen Abschluss eine Schülerin oder ein Schüler anstrebt, fällt an Waldorfschulen erst in der Oberstufe. Alle staatlichen Abschlüsse stehen den Lernenden offen. Eine Studie hat gezeigt, dass durch die späte Entscheidung mehr Schüler die Schule mit dem Abitur verlassen als an öffentlichen Schulen.

Ohne Noten- und Versetzungsdruck

Es sind viele verschiedene Faktoren, mit denen im Waldorf-Unterricht die Motivation zum Lernen hochgehalten wird: Entwicklungsorientierte Unterrichtsinhalte und -formen, Methodenvielfalt und individuelle Gestaltungsfreiräume der Lehrpersonen seien hier exemplarisch genannt. Dadurch können wir auf Noten- und Versetzungsdruck verzichten. An Waldorfschulen wird jedes Kind in seinen ganz persönlichen Entwicklungsschritten gesehen: Die Zeugnisse enthalten ausführliche Beschreibungen des Leistungsfortschritts, der Begabungslage und des Bemühens des Kindes.

Tonarbeiten in der Schule

Entwicklungsfördernde Unterrichtsinhalte

Was an Waldorfschulen wann gelehrt wird, ist sehr genau auf die Prozesse kindlichen Lernens und an die Phasen menschlicher Entwicklung abgestimmt. Das Ziel ist die innere Freiheit. Auf dem Weg dorthin zeigen sich im Vergleich zu staatlichen Schulen oft Unterschiede: So gibt es z.B. Unterrichtsfächer, die es in anderen Schulformen so nicht gibt. Aber auch gleiche Themen werden häufig unterschiedlich eingeführt. Weil es an Waldorfschulen um die individuelle Entwicklung der Persönlichkeit geht und dafür in jeder Entwicklungsstufe passende Inhalte angeboten werden.

Schulkind an der Tafel

Epochen- und Fachunterricht

Es hat sich gezeigt, dass sich Kinder mit bestimmten Unterrichtsinhalten besser verbinden und tiefer auseinandersetzen können, wenn sie sich in Blöcken von vier bis sechs Wochen intensiv mit einem Fach beschäftigen.

Diese Blöcke nennen wir Epochen. Als solche werden Fächer wie Deutsch, Geschichte, Naturwissenschaften etc. vermittelt. Unterrichtsinhalte, die regelmäßig geübt werden müssen, wie z.B. Sprachen oder musikalisch-künstlerische Tätigkeiten, unterrichten wir im üblichen Fachstunden-Modell.

Quereinsteiger

In zwölf Schuljahren wächst im Klassenverbund eine starke Gemeinschaft. Für Quereinsteiger aus Schulen in staatlicher Trägerschaft ist das ein starkes Netz, das auch dann auffangen kann, wenn große Kultur- oder Kompetenz-Unterschiede bei Wechseln in der Zwischenzeit unsicher machen. Quereinstiege sind grundsätzlich möglich, manchmal aber mit Wartezeiten verbunden. Für Quereinsteiger aus anderen Waldorfeinrichtungen wird versucht, möglichst bruchlose Übergänge zu ermöglichen.

Schulreife

Schon bei der Entscheidung, ob ein Kind eingeschult werden soll oder nicht, nehmen wir unseren Grundsatz ernst, das Kind ganz individuell in seiner ganz eigenen Situation zu betrachten. Wir wissen, dass allein das Alter eines Kindes hier ebenso wenig aussagekräftig ist wie der reine Blick auf die kognitiven Fähigkeiten des Kindes. Deshalb treffen das Aufnahmegremium und die Schulärztin in einer angstfreien Atmosphäre auf die Eltern und das Kind. Gemeinsam macht man sich ein Bild von der körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung des Kindes sowie zu wichtigen Fragen hinsichtlich seiner Konzentrations- und Integrationsfähigkeit. Die Entscheidung über den richtigen Einschulungszeitpunkt wird im Konsens mit den Eltern getroffen.

Finanzierung

Finanzierung

Jede Waldorfschule entsteht zunächst aus einer Initiative von engagierten Eltern. Sie gründen eine „Bildungseinrichtung in freier Trägerschaft“, die durch das Grundgesetz verfassungsmäßig geschützt und staatlich anerkannt ist.

Leider werden freie Schulen finanziell gegenüber staatlichen Schulen benachteiligt und bekommen etwa 20 – 50% weniger finanzielle Unterstützung von der öffentlichen Hand als staatliche Schulen. Dadurch entsteht eine Finanzierungslücke, die durch Elternbeiträge geschlossen werden muss.

Die Landesarbeitsgemeinschaft setzt sich politisch für eine gerechtere öffentliche Finanzierung ein, damit die Elternbeiträge so gering wie möglich sind.

Schulgeld

In welcher Höhe das Schulgeld angesetzt wird und auf welche Art die Elternbeiträge festgelegt werden, entscheidet jede Waldorfschule individuell. Fast überall gilt das Solidarprinzip: Die Beiträge werden in Abhängigkeit vom Familien-Einkommen berechnet, damit ein Schulbesuch nicht aus finanziellen Gründen unmöglich ist. Wo Festbeträge gefordert werden, gibt es die Möglichkeit, eine Ermäßigung zu beantragen. Das Einkommen der Eltern spielt bei der Entscheidung über die Aufnahme eines Kindes keine Rolle.

Selbstverwaltung

Waldorfschulen verzichten bewusst auf hierarchische Organisationsstrukturen. Es wird als Wert angesehen, dass sich alle Familien nach Kräften und Kompetenzen in den Schulorganismus einbringen und ihn damit mitgestalten. In welchen Formen die konkrete Mitarbeit der Eltern möglich und erwünscht ist, ergibt sich an jeder Schule individuell. Das Ergebnis ist ein Miteinander, das durch die Vielfalt der verschiedenen Elternhäuser sehr bereichert wird.